Bezirksverband der Kleingärtner Steglitz e.V.
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Kleingärten in der heutigen Zeit-, die Vorstellungen gehen heute von ganz anderen Gedanken aus als die damaligen. Heute - Zierrasen nach englischen Vorbild oder ökologischen Gesichtspunkten, Hollywoodschaukel, Grillplatz, um es schnell auf einen Nenner zu bringen: Wochenenderholung mit Beine hochlegen, sich in der Sonne schmoren lassen, oder “Familiezusammenführung am Wochenende, Kaffee trinken im Grünen“, dies und das, es lassen sich die Aufzählungen x-beliebig fortsetzen. Sicher ist die Darstellung ein kleinwenig überspitzt, aber wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Dass dieses vor 84 Jahren nicht so war, können sich nur wenige von uns gar nicht oder nur schwer vorstellen. Der Werdegang der Kleingartenbewegung hatte so manche Hürde zu nehmen.

Ein Kleingarten der frühen Jahre

Schauen wir erst einmal zurück, dort wo unsere Geburtswiege stand. Was hat dazu geführt, es zu solch einer geordneten Organisation von Kleingärtnern/ Laubenpiepern zu bringen. Schuld war eigentlich die zunehmende Verarmung der Bürger um die Jahrhundertwende in den Städten. Durch die Zunahme der Industrialisierung, die Zuwanderung der Menschen in die Städte und dadurch bedingter Wohnraumbedarf, der bezahlbar war. Der Hunger plagte die Menschen. Die Familien waren an Personenzahl größer, 6 bis 12 Menschen lebten in einem Haushalt und nicht wie heute 2 bis 4 Personen. Die Armen in der Bevölkerung wurden von der städtischen Verwaltung (Armenverwaltung) erfasst. Die sozialen Gaben waren gering. So kam man auf die Idee, zuverlässigen „Hilfsbedürftigen“ ein Stück Land zur Selbstbewirtschaftung zu überlassen. So konnten sie zur Selbsternährung der Familie beitragen, wie durch Anbau von Kartoffeln und Gemüse. Es entstanden somit die Armengärten mit strengen Auflagen für die Hilfsbedürftigen. Rechte für die Hilfsbedürftigen gab es nicht. Es gab keine Verträge im heutigen Sinne, die Verpachtung der Grundstücke war nur jährlich möglich. Mit behördlicher Aufsicht wurde festgelegt, wann und zu welcher Zeit die Gartenarbeiten zu erfolgen haben. Auch Berlin hatte von 1833 bis 1897 seine Armengärten. Da die Städte immer mehr Wohnraum und Industrieflächen brauchten, standen die “Kleingartenflächen“ im Wege; man entschied sich wieder, die armen Hilfsbedürftigen mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Das Problem Kleingarten, ein kleines Stückchen Erde zu bearbeiten und sein „Eigen“ nennen zu dürfen, blieb.
Aber auch aus anderer Sicht kamen sie immer wieder ins Gespräch, “die Kleingärten‘. Da gab es einen Herrn Schreber, von Beruf Arzt und es gab einen Herrn Jahn (Daniel Schreber 1808-1861 und Friedrich, Ludwig Jahn 1778-1852), beide bestrebt beizutragen, die Gesundheit der Menschen durch körperliche Ertüchtigung in freier Natur zu ermöglichen. Dr. Schreber setzte sich für die “Volksgesundheit“ ein. Kinder sollten schon frühzeitig lernen, sich an der frischen Luft zu betätigen. Nicht Schreber war es, sondern der Leipziger Schuldirektor E. J. Hauschild, der letztlich Dr. Schrebers Ideen umsetzte. Er, Hauschild, gründete innerhalb seiner Schulbehörde einen Erziehungsverein, der den Namen Schreberverein‘ trug. Hauschild pachtete Land, um mit seinen Kindern sportliche Betätigung im Freien zu betreiben. Wie es zur Anbindung kleiner Gärten kam, weiß niemand so recht. Waren es die Kinder oder die Erwachsenen, auf jeden Fall war es ein guter Einfall wie ich meine, die Körperertüchtigung mit Gartenarbeit zu verquicken.Der Bau einer Laube
Eine weitere Form von Kleingärten sind die Arbeitergärten des Roten Kreuzes, die bereits 1901 in Berlin gegründet wurden. Auch der Bezirk Steglitz hat noch Kleingartenanlagen, die aus Arbeitergärten hervorgingen (wie zum Beispiel Kolonie Rütli“ und “Parkkolonie). Diese Kleingartensiedlungen hatten Pachtverträge und eine Wasserleitung, das war für damalige Verhältnisse sehr viel. Aber an oberster Stelle wachte eine so genannte Patronin. Sie hatte die Aufgabe, helfend einzugreifen, dort wo es nötig war.Die ersten Schritte in Richtung “gesicherte Kleingartenanlagen” waren getan. Trotzdem war diese Richtung bei den Arbeitern nicht allzu sehr beliebt, man fühlte sich zu sehr bespitzelt durch die ehrbaren Herrschaften, sprich Damen.
Es war das Jahr 1900, Berliner Laubenpieper beschlossen einen ersten Zusammenschluss aller Kolonien. Es sollte ein Verein gegründet werden, der die Rechte der Laubenpieper wahrnahm. Es waren zunächst 8 Kolonien. Zur Aufgabe machte man sich: die Mitglieder durch Vorträge zu informieren, ein Verbandsorgan zu schaffen (Zeitung), den Rechtsschutz und selbst als Generalpächter aufzutreten. Dieses Ansinnen und die Tätigkeit des Vereins trafen auf heftige Gegenwehr der bisherigen Generalpächter, so dass 1902 die Verbandszeitung ihr Erscheinen einstellen musste. 1903, ein neuer Vorsitzender an der Spitze des Vereins und eine neue Verbandszeitung trugen dazu bei, mit kräftiger Werbung für die Kleingartenidee mit Erfolg einzutreten. Der Verein konnte alsbald auch als Generalpächter auftreten.
Eine Namensänderung trat 1911 in Kraft. Der Verein hatte fortan den Namen ‘Verband der Laubenkolonisten Berlins und Umgebung‘.
Der 1. Weltkrieg setzte seine Zeichen, Not und Hunger traten auf die Bühne. Auf einmal wurden die Laubenpieper “hoffähig”. Sie trugen ja zur Entlastung des Hungers bei. Die Entwicklung ging weiter und der erste anerkannte “rechtliche Schritt“ mündete im Kleingartengesetz von 1919. Die Geburtsstunde der ersten offiziellen Kolonien/ Bezirksverbände und somit auch unseres Bezirksverbandes war gekommen. Die Weimarer Regierung erließ am 31.07.1919 das erste Kleingartengesetz. Der Inhalt des Gesetzes war folgender: soziale, wirtschaftliche, gesundheitliche Ziele, die Definition Kleingarten und der Kündigungsschutz für Kleingartenland.
Der Provinzialverband Groß-Berlin der Kleingartenvereine bestand etwa 1926 aus 16 Bezirksverbänden. Die Kleingartenflächen in der Stadt nahmen stetig zu. Auch die Gestaltung der Parzellen, aber auch die Lauben in Form und Verwendung. Man sprach bald das Verbot aus, dass in den Lauben nicht ganzjährig gewohnt werden durfte. Es war dann nur in den Sommermonaten möglich. Dauerkleingartenanlagen (1926) machten von sich reden. Diese Form der auf Dauer gesicherten Kleingartenanlagen hatte Pachtverträge mit einer Laufzeit von 10 Jahren. Die Richtlinien für äußere Gestaltung der Dauerkleingartenanlagen sagten darüber aus: Wie die Größe der Lauben sein durfte, nämlich 20 qm, wie Spielplätze und Brunnen auszusehen hatten.

Die Gartenordnungen von damals haben auch heute noch fast denselben Sinnesinhalt. Die Zeit blieb nicht stehen, die Entwicklung im Kleingartenwesen nahm ihren Lauf. Mal rauf, mal runter war die Devise. Der national-sozialistische Staat forderte wie in den Jahren zuvor von den Kleingärtnern seinen “Zehn ten“. Bauland, eigentlich Kleingartenland, musste her, die Bevölkerung Berlins brauchte billige Wohnungen, aber auch staatliche Einrichtungen waren gefordert. Zwar nahmen auch die Kleingartenflächen in dieser Zeit vermehrt zu, es entsprach ja der damaligen politischen Führung, für den “Kleinen Mann da zu sein. Jeder sollte seine Kleingartenparzelle von 300 bis 400 qm sein “Eigen“ nennen dürfen. So sollten bei Neugründung einer Kleingartenanlage verschiedene Zweckmäßigkeiten berücksichtigt werden. So schlug hier auch die Geburtsstunde der deutschen Einheitslaube, 15 qm durfte sie groß sein. Der 2. Weltkrieg begann und die Kleingärtner hatten wie schon einmal, beizutragen für die Ernährung, wie Obst, Gemüse, Eier und Fleisch. Tierhaltung, die vorher verboten war, war auf einmal erwünscht, ebenso Dauerwohnen und 1939 erließ der damalige Reichminister eine Kündigungsschutzverordnung für Kleingartenland. Alles hat auch einmal ein Ende, selbst Kriege. Viele Lauben waren teilweise, von Bomben getroffen, zerstört, der Hunger war groß, ebenso der Wohnraumbedarf. Die Laubenpieper räumten Schutt und Asche weg, bestellten ihre “Äcker“, die Parzellen sahen wohl teilweise so aus. So langsam kam wieder Leben in die Kolonien, bereits 1949 konnten die ersten Pachtverträge wieder vergeben werden. Nach einer langen Phase des immer Aufwärtsstrebens wurden aus den ehemaligen Grünen Versorgungsdepots Laubenpieper anderer Fachrichtung geboren, nämlich „Wochenenderholungslaubenpieper“. Diese lange Wortschöpfung könnte Pate stehen für die immer mehr zur Verfügung stehende Freizeit. Selbstgeerntetes, einge- machtes Obst und Gemüse ist auf einmal nicht mehr “landfein“ oder out, wie man heute sagt. Liegestuhl, Grill, Fernseher, Kühlschrank, Kalt- und Warmwasser usw., mit anderen Worten, der Wohlstand hat uns eingeholt, auch in unseren grünen Oasen. Aber ach, es gibt auf einmal Unruhe, das Wort FNP oder Flächennutzungsplan steht im Ring. Man hatte sich in der Vergangenheit schon mit Parzellenkündigungen abfinden müssen, aber auf einmal wurde dieser Vorgang fest- gelegt, was alles zu Bauland, Gewerbe-, Wohn-, Verkehrsgebieten gehört und das noch für einen Zeitraum von 20 Jahren. Der Zorn der Laubenpieper war und ist auch heute noch groß. Hat man keinen Respekt vor der Ge-sundheit? Hat man schon vergessen, wie wichtig Kleingartenanlagen sind? Dass Lebendes Grün“ in jeder Form zur Volksgesundung beiträgt? Auch heute ist Erholung im Grünen für stressgeplagte Menschen notwendig, selbst wenn Kleingärten heute eine etwas andere Funktion haben. Sind die Worte auf einmal Schall und Rauch, die von einem Herrn Dr. Schreber, von Turnvater Jahn oder Hauschild ausgesprochen wurden und letztlich zur Kleingartenbewegung geführt haben, vergessen???
Hartmut Loose Vorstandsmitglied bis 2002